Eine gestalterisch gelungene Website reicht als Argument nicht mehr aus. Das ist die Botschaft, die von den German Web Awards 2026 ausgeht: Ausgezeichnet werden Agenturen, die neben der Gestaltung eine nachvollziehbare Strategie, technisches Können und maschinenlesbare Inhalte liefern. Der Anlass ist ein Wettbewerb, die Fragestellung dahinter betrifft jedes Unternehmen, das in den nächsten Monaten über einen Relaunch nachdenkt.

Der Grund für die Verschiebung liegt in der Art, wie Inhalte heute konsumiert werden. Neben Menschen, die eine Seite aufrufen und durchscrollen, greifen zunehmend Systeme auf Webinhalte zu: Suchmaschinen mit KI-generierten Antwortblöcken, Assistenzsysteme, Chat-Oberflächen. Diese Systeme lesen keine Layouts. Sie lesen Struktur, Text und Metadaten.

Zwei Zielgruppen, ein Content-Modell

Damit haben Web-Projekte faktisch zwei Adressaten. Die eine Seite braucht ein verständliches Interface, schnelle Ladezeiten und eine Argumentation, die trägt. Die andere Seite braucht saubere Auszeichnung: eine sinnvolle Überschriftenhierarchie, semantisches HTML, strukturierte Daten, eindeutige Bezeichnungen für Produkte, Leistungen und Standorte.

In der Praxis kollidiert das oft mit gewachsenen Websites. Wenn zentrale Aussagen in Bildern stecken, wenn Seitentitel aus Wortspielen bestehen und wenn dieselbe Leistung auf fünf Seiten unterschiedlich benannt wird, entsteht ein Bild, das für Menschen mit etwas Geduld noch funktioniert – für automatisierte Auswertung aber nicht.

Maschinenlesbarkeit meint dabei nicht, Texte für Algorithmen zu schreiben. Sie meint, dass die Bedeutung eines Inhalts nicht nur aus dem visuellen Kontext hervorgeht, sondern auch aus seiner technischen Struktur.

Strategie vor Redesign

Der zweite Punkt, den der Wettbewerb betont, ist Strategie. Viele Relaunch-Projekte starten mit einer Designfrage: Das aktuelle Erscheinungsbild wirkt veraltet, also soll etwas Neues her. Die inhaltliche Klärung folgt später – und dann meist unter Zeitdruck, weil das Layout schon steht und nur noch gefüllt werden muss.

Sinnvoller ist die umgekehrte Reihenfolge. Vor dem ersten Entwurf sollten einige Fragen beantwortet sein:

  • Welche Entscheidungen sollen Besucherinnen und Besucher auf der Website treffen können?
  • Welche Inhalte tragen dazu tatsächlich bei – und welche existieren nur, weil sie historisch entstanden sind?
  • Welche Informationen müssen so präzise formuliert sein, dass sie auch aus dem Zusammenhang gerissen noch korrekt sind?
  • Wer pflegt welche Inhalte nach dem Go-live, und mit welchem Zeitbudget?

Der letzte Punkt wird regelmäßig unterschätzt. Eine Website, deren Pflege organisatorisch nicht abgesichert ist, verliert innerhalb von zwei Jahren genau die Qualität, für die das Projekt begonnen wurde.

Technische Substanz ist keine Kür

Technisches Können, der dritte genannte Faktor, zeigt sich weniger im Sichtbaren als in den Grundlagen. Dazu gehören Ladezeiten, Barrierefreiheit, eine belastbare Content-Struktur im Redaktionssystem und die Frage, ob Inhalte auch außerhalb der eigenen Seiten verwendbar sind – etwa über Schnittstellen für Apps, Portale oder interne Systeme.

Ein Content-Management-System – also die Software, mit der Inhalte redaktionell gepflegt werden – spielt hier eine größere Rolle, als es auf den ersten Blick scheint. Ob strukturierte Daten sauber ausgeliefert werden, ob sich Inhaltstypen sinnvoll modellieren lassen und ob die Redaktion Felder befüllt, deren Zweck sie versteht: Das entscheidet sich in der Konfiguration, nicht im Design.

In TYPO3-Projekten lässt sich das gut abbilden, weil Inhaltstypen und Felder frei definierbar sind. Genau darin liegt aber auch das Risiko: Wer alles frei konfigurieren kann, konfiguriert schnell zu viel. Eine Redaktionsoberfläche mit dreißig optionalen Feldern pro Element produziert am Ende weniger strukturierte Inhalte als eine mit fünf verbindlichen.

Wo KI im Projekt tatsächlich hilft

Die Diskussion um KI im Web wird häufig auf Textgenerierung reduziert. Der praktische Nutzen liegt in Relaunch-Projekten oft an anderer Stelle: bei der Inventarisierung bestehender Inhalte, beim Aufspüren von Dubletten und Widersprüchen, beim Vorschlagen von Metadaten für große Bestände, bei der Prüfung, ob Formulierungen über hunderte Seiten hinweg konsistent sind.

Das sind Aufgaben, die manuell teuer und langweilig sind und deshalb regelmäßig ausgelassen werden. Wichtig bleibt die redaktionelle Kontrolle: Vorschläge sind Vorschläge, die Verantwortung für Aussagen auf einer Unternehmenswebsite lässt sich nicht delegieren.

Was bleibt

Auszeichnungen sind ein Stimmungsbild, kein Prüfsiegel. Interessant ist an den German Web Awards 2026 weniger, wer gewinnt, als welche Kriterien überhaupt zur Debatte stehen – und dass Gestaltung dabei nur noch einer von mehreren Faktoren ist.

Für laufende und geplante Web- und Softwareprojekte heißt das: Die Investition verschiebt sich von der Oberfläche zur Struktur. Wer Inhaltsmodell, Semantik und Pflegeprozesse früh klärt, bekommt eine Website, die für Besucher überzeugt und von automatisierten Systemen korrekt wiedergegeben wird. Wer das nachträglich reparieren muss, zahlt zweimal.

Quellen