Websites ohne Programmierkenntnisse zu bauen, ist mit KI-Werkzeugen wie Manus heute in wenigen Stunden möglich. Man beschreibt in natürlicher Sprache, was entstehen soll, und erhält eine funktionsfähige Seite. Für diese Arbeitsweise hat sich der Begriff Vibe Coding etabliert: Entwickeln über Prompts statt über Quellcode, mit dem Ergebnis als Maßstab und nicht dem Weg dorthin.
Wie verlockend das ist und wo es an Grenzen stößt, zeigt ein Praxisbeispiel der Prompt Engineerin Susanne Renate Schneider. Der Fall dreht sich um eine mit KI erstellte Website, die plötzlich nicht mehr erreichbar war. Genau dieser Moment ist interessant — nicht die Erstellung, sondern der Betrieb danach.
Die Erstellung ist der einfache Teil
In Webprojekten fällt der überwiegende Teil des Aufwands nicht bei der ersten Version an, sondern danach. Eine Seite muss erreichbar bleiben, Inhalte müssen aktualisiert werden, Sicherheitslücken müssen geschlossen werden, Datenschutz- und Barrierefreiheitsanforderungen ändern sich. Wer die erste Version als das eigentliche Projekt betrachtet, unterschätzt systematisch, was folgt.
KI-Generatoren optimieren auf den ersten Eindruck. Sie liefern ein sichtbares Ergebnis, und das ist ihre Stärke. Die Fragen, die den Betrieb bestimmen, stellen sie in der Regel nicht: Wo liegt die Seite? Wer hat Zugriff? Was passiert, wenn der Anbieter sein Angebot ändert? Und wer ist zuständig, wenn etwas nicht funktioniert?
Vier Punkte, die im Prompt nicht vorkommen
- Hosting und Erreichbarkeit: Wird die Seite auf einer Plattform des KI-Anbieters ausgeliefert, hängt ihre Verfügbarkeit an dessen Geschäftsmodell, Tarifen und technischen Entscheidungen. Eine eigene Domain und ein eigener Hosting-Vertrag sind kein Detail, sondern die Grundlage dafür, dass eine Website Ihnen gehört.
- Wartbarkeit: Generierter Code ist funktional, aber nicht zwingend nachvollziehbar. Wenn niemand die Struktur versteht, wird jede kleine Änderung zum Neuversuch — und im schlechteren Fall zum Neuaufbau.
- Übergabefähigkeit: Können Inhalte von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern gepflegt werden, ohne dass jemand prompten muss? Ohne Redaktionsoberfläche entsteht eine Abhängigkeit von einer einzelnen Person.
- Verantwortlichkeit: Wer haftet, wenn ein Formular Daten falsch verarbeitet oder ein Impressum fehlt? Ein KI-Werkzeug übernimmt diese Verantwortung nicht. Sie bleibt beim Betreiber der Website.
Wofür Prototypen aus dem Prompt gut sind
Daraus folgt kein Argument gegen KI-gestützte Erstellung. Es folgt ein Argument dafür, sie an der richtigen Stelle einzusetzen. Prompt-getriebene Prototypen sind ausgesprochen nützlich, wenn ein Ergebnis schnell sichtbar werden soll und noch nicht dauerhaft tragen muss:
- Ideen intern greifbar machen, statt sie in Konzeptpapieren zu diskutieren
- Varianten von Struktur, Ansprache oder Seitenaufbau nebeneinanderstellen und bewerten
- Landingpages für eine einzelne, zeitlich begrenzte Aktion
- Interne Werkzeuge und Übersichten mit kleinem, bekanntem Nutzerkreis
Gemeinsam ist diesen Fällen, dass ein Ausfall verkraftbar ist. Niemand verliert Umsatz, wenn ein Klickdummy nicht erreichbar ist.
Wann eine stabile Plattform nötig wird
Anders sieht es aus, sobald eine Website Teil des Geschäftsbetriebs ist. Sobald Anfragen darüber eintreffen, Bewerbungen entgegengenommen werden, Produkte gefunden werden sollen oder gesetzliche Pflichten dokumentiert sein müssen, verschiebt sich der Maßstab. Dann zählt nicht, wie schnell die erste Version da war, sondern ob die Seite in drei Jahren noch änderbar ist.
Für diesen Bereich existieren erprobte Grundlagen. Ein Content-Management-System wie TYPO3 — also eine Software, mit der Redaktionen Inhalte selbst pflegen — bringt Rechteverwaltung, Mehrsprachigkeit, Versionierung von Inhalten und einen definierten Update-Pfad mit. Das ist kein Selbstzweck, sondern die Antwort auf genau jene Fragen, die im Manus-Fall sichtbar werden: Wer darf was, wo liegen die Daten, und wie kommt man in einen früheren Zustand zurück.
Ein pragmatischer Weg
In der Praxis lassen sich beide Ansätze verbinden. KI-Werkzeuge klären in kurzer Zeit, wie etwas aussehen und wirken soll. Diese Klärung ist wertvoll und ersetzt lange Abstimmungsrunden. Die tragfähige Umsetzung entsteht anschließend auf einer Plattform, die Betrieb, Pflege und Verantwortlichkeit abbildet.
Wichtig ist, diese Entscheidung bewusst zu treffen und nicht durch Zeitdruck ersetzen zu lassen. Ein Prototyp, der stillschweigend zur Produktionswebsite wird, ist der häufigste Weg in genau die Situation, in der eine Seite ohne Vorwarnung offline geht.
Was das für Web- und Softwareprojekte bedeutet
KI verschiebt die Kosten in Webprojekten nach hinten: Der Einstieg wird billiger, der Betrieb nicht. Wer Vibe Coding als Werkzeug für Konzeptphasen und interne Anwendungen nutzt und für geschäftskritische Auftritte eine wartbare Plattform mit klaren Zuständigkeiten wählt, gewinnt Tempo, ohne Kontrolle abzugeben. Die entscheidende Frage lautet daher nicht, ob KI die Website bauen kann, sondern wer sie am Montagmorgen wieder online bringt.